Wie Banker in Davos entzaubert werden

Spitzenvertreter von Grossbanken und Hedgefonds spielen am diesjährigen WEF nur eine Statistenrolle. Warum das?

Man hört ihnen zu – doch im Zentrum stehen UBS-CEO Sergio Ermotti und die anderen Vertreter der Banken und Vermögensverwalter dieses Jahr nicht. Foto: Keystone/Alessandro della Valle

Man hört ihnen zu – doch im Zentrum stehen UBS-CEO Sergio Ermotti und die anderen Vertreter der Banken und Vermögensverwalter dieses Jahr nicht. Foto: Keystone/Alessandro della Valle

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UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber kann einem leidtun. Er nahm anlässlich des WEF an einer Podiumsdiskussion zum Thema Zukunft der Finanzmärkte teil. Doch das Gespräch drehte sich um den Welthandel, im Speziellen um die Entspannung zwischen den USA und China. Auch die Schuldenwirtschaft der Staaten, die Geldpolitik der Zentralbanken und die Einführung einer Steuer auf digitale Dienstleistungen wurden thematisiert. Die Finanzmärkte waren – entgegen der Ankündigung  – hingegen kein Thema.

Das hatte wohl auch mit der Zusammensetzung der Gesprächsteilnehmergruppe zu tun. Weber war der einzige echte Vertreter der Finanzindustrie. Dominiert wurde das Panel von US-Finanzminister Steven Mnuchin, seinem britischen Kollegen Sajid Javid und der neuen Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, der Nachfolgerin von Christine Lagarde. 

Die Plenumsdiskussion ist symptomatisch für das diesjährige Weltwirtschaftsforum. Die Vertreter der Finanzindustrie, der Banken und der grossen Vermögensverwalter spielen nur noch eine Nebenrolle. Wenn sie sich überhaupt noch zu Wort meldeten, dann sprachen sie über Nachhaltigkeit oder Sustainability, das Zauberwort dieses Jahr in Davos.

Thiam sprach über das Subsidiaritätsprinzip

Zwar sind auch dieses Jahr wieder viele Chefs von Grossbanken angereist. Jamie Dimon von JP Morgan etwa oder der Goldman-Sachs-Chef David Solomon. Doch einen Auftritt im Davoser Kongresshaus hatten beide nicht. Auch die Namen von CS-Präsident Urs Rohner und UBS-Chef Sergio Ermotti erscheinen nicht im offiziellen Tagungsprogramm des WEF. CS-Konzernchef Tidjane Thiam sprach an einem offiziellen Podium über das Unternehmen des 21. Jahrhunderts und lobte das duale Bildungssystem und das Subsidiaritätsprinzip der Schweiz als Erfolgsfaktoren. 

Den Bankenvertretern ging es dabei noch besser als den Hedgefonds-Managern, jenen skandalumwitterten Finanzakrobaten, deren Geschäftszweck darin besteht, mit risikoreichen Wetten auf steigende und fallende Kurse Unsummen zu verdienen. Ray Dalio betreibt mit Bridgewater Associates den grössten Hedgefonds der Welt. Er, der in den vergangenen Jahren stets einen der meistbeachteten Auftritte am WEF genoss, ist zwar auch nach Davos gereist. Doch öffentlich äussern wird er sich dieses Jahr nicht. 

Dalios Ruf in der Branche ist legendär. Indem er rechtzeitig auf strukturierte Kredite spekulierte, hatte er den richtigen Riecher und machte Milliarden, für sich selbst und seinen exklusiven Kundenkreis. Seine Sicht auf die Märkte wurde von den Teilnehmern so gierig verschlungen wie Lachscanapés an einer der vielen WEF-Partys. Und auch die Investorenlegende George Soros zeigte sich auf keinem Panel.

Darth Vader schlug nicht zu

Eine kleinere, aber nicht weniger exzentrische Nummer im Spekulationsgeschäft ist Anthony Scaramucci von Skybridge. Ans WEF ist auch er gekommen, doch an einem Panel sah man ihn nicht. Am Dienstag lud er zu einem Nachtessen, servierte teuren Wein und verschwand bald wieder.

Unvergessen ist sein WEF-Auftritt vor fünf Jahren, als er vor den deflationären Folgen der ultraexpansiven Geldpolitik warnte. «Deflation ist Vernichtung. Sie ist wie Darth Vader, der von seinem Todesstern Laserstrahlen auf die Erde schiesst, um die Weltwirtschaft zu vernichten», posaunte er hinaus.

Verheerende Wirkung hatte die Tiefzinspolitik in der Tat – vor allem aber für die Hedgefonds und die Banken, die immer weniger Geld verdienen. Die kümmerlichen Resultate, die sie derzeit schreiben, dürften denn auch der tiefere Grund sein, warum sie schlicht nicht mehr gefragt sind.

Hedgefonds verschätzen sich

Besonders die Hedgefonds verschätzten sich gewaltig. Sie spekulierten auf einen Einbruch der Märkte und auf einen Anstieg der Zinsen. Die Folge ist, dass ihre Renditen im letzten Jahr enttäuschend ausfielen. Ray Dalios Flaggschiff-Fonds Pure Alpha soll 2019 gerade mal seinen Wert gehalten haben, was ein Desaster ist angesichts der boomenden Aktienmärkte, die den US-Aktienindex S&P 500 um 31 Prozent hochschraubten. 

Dabei gibt es durchaus Risiken. So sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgieva, dass die anhaltend tiefen Zinsen den Appetit auf risikoreiche Investitionen fördern würden. «Noch besteht kein Grund zur Besorgnis, aber wir müssen wachsam bleiben», sagte sie.

Doch wo und wann genau die nächste Krise bevorstehen wird, konnte auch sie nicht sagen. Ray Dalio hätte seine Meinung gehabt. In einem TV-Interview am WEF warnte er vor einem Wertverfall des Geldes. Allerdings stiess er die gleiche Warnung schon mehrfach aus – und lag stets falsch. 

Erstellt: 23.01.2020, 21:20 Uhr

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