Heuschnupfen ist eine ernste Krankheit

Wer über Heuschnupfen klagt, wird eher belächelt als bemitleidet. Wird die Allergie nicht behandelt, können die Folgen jedoch drastisch sein.

Heuschnupfen gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen, wird aber verharmlost: Eine Frau niest in ein Taschentuch. Foto: Getty Images

Heuschnupfen gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen, wird aber verharmlost: Eine Frau niest in ein Taschentuch. Foto: Getty Images

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Man kann im Internet ein T-Shirt bestellen, darauf steht «Hatschi!» und klein darunter: «Guten Tag in der Sprache der Allergiker». Nun gibt es natürlich kaum einen Satz, den nicht irgendwer irgendwann auf ein T-Shirt packen würde, auch den flachsten Witz nicht. Aber interessant ist das schon, wenn man mal nachdenkt: Es gibt ja nicht viele Krankheiten, über die sich Menschen öffentlich zu scherzen trauen.

Gerade klingt eine in diesem Jahr sehr heftige und lange Baumpollensaison ab. Der Heuschnupfen ist inzwischen die häufigste chronische Erkrankung in der Gesellschaft geworden, immer mehr Menschen sind betroffen, auch weil klimatische Veränderungen und Umweltverschmutzung die Pollenflugsaison verlängern und Pollenallergene aggressiver machen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts kommt es bei mehr als 30 Prozent der Kinder und mehr als 20 Prozent der Erwachsenen im Laufe ihres Lebens zu mindestens einer allergischen Erkrankung. Nur zehn Prozent der Betroffenen allerdings würden sich so behandeln lassen, wie es Experten vorsehen, sagt Torsten Zuberbier, Leiter des Allergie-Zentrums der Berliner Charité.

Lieber ein bisschen leiden, dafür aber keine Tabletten nehmen. Der Heuschnupfen wird als Krankheit unterschätzt.

Aber warum? Weil es doch nur ein Schnupfen ist, das bisschen Niesen? Weil sich auch Allergiker einreden, was viele Nicht-Allergiker denken: Komm, hab dich nicht so? Die Allergie, so viel ist klar, hat ein Imageproblem. Einerseits, sagt der Allergieforscher Zuberbier, sei das ja positiv: dass die Menschen über Allergien reden. «Keiner redet über seinen Fusspilz beim Abendessen. Über Allergien dagegen kann man sprechen.» Andererseits ist da die Verharmlosung. Wer allergischen Schnupfen hat und klagt, wird eher belächelt als bemitleidet. Und der typische Patient, das weiss Zuberbier aus Erfahrung, halte es meist so: Lieber ein bisschen leiden, dafür aber keine Tabletten nehmen. Der Heuschnupfen wird als Krankheit unterschätzt.

Niesattacken, tränende und juckende Augen

Eine Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems, das eigentlich harmlose Eiweissstoffe in Pollen als gefährlich einstuft. Es aktiviert Antikörper, deren Aufgabe es ursprünglich einmal war, Parasiten zu bekämpfen, um die Eindringlinge schnell wieder aus dem Organismus zu werfen. Dabei wird der Stoff Histamin freigesetzt, der die typischen Symptome auslöst: Niesattacken, tränende und juckende Augen, fliessende und verstopfte Nasen, Hautausschlag oder Atemnot.

40 Prozent der unbehandelten Heuschnupfen-Patienten entwickeln ein allergisches Asthma.

Wenn die Allergie nicht richtig behandelt wird, können die Folgen drastisch sein, weil das Immunsystem laut Zuberbier weiter die falsche Nachricht erhalte, sich noch mehr wehren zu müssen. 40 Prozent der unbehandelten Heuschnupfen-Patienten entwickeln ein allergisches Asthma. Ausserdem, so Zuberbier, drohe eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen. Und wenn die Nasenatmung behindert ist, steige langfristig auch die Gefahr für Schlaganfälle und Bluthochdruck.

Folgen in der Arbeitswelt sind enorm

Studien zeigen, dass eine unbehandelte Allergie nicht nur Folgen für die Gesundheit hat. Schüler mit Heuschnupfen hätten eine 40-prozentige-Chance, um mindestens eine Note abzufallen, sagt Zuberbier. Und auch in der Arbeitswelt sind die Folgen enorm: Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, sinke um zehn bis 30 Prozent. Vergleichbar ist das mit einer Erkältung. «Der Betroffene schleppt sich zum Arbeitsplatz, ist aber nicht leistungsfähig. Man ist langsamer und einfach nicht so gut, wie man ohne Schnupfen ist», sagt Zuberbier.

Der Allergieforscher hat in einer Studie mit Kollegen ausgerechnet, dass durch Allergien vermeidbare Kosten von 100 Milliarden Euro im Jahr für die Wirtschaft entstehen. Und dann ist da ja noch das lustige Hatschi, das «Guten Tag» in der Sprache der Allergiker. In einer wissenschaftlichen Untersuchung gaben immerhin sieben Prozent der Probanden an, ihre Allergie habe schon einmal zu einem Verkehrsunfall oder Beinahe-Verkehrsunfall beigetragen – vor allem durch Niesanfälle, wie Zuberbier erklärt: Weil sich beim Niesen reflexartig die Augen schliessen.

Neben der symptomatischen Behandlung sollten Allergiker auch eine ursächliche angehen.

Woher also kommen bei all diesen Gefahren das problematische Image der Allergie und ihre gesellschaftliche Bagatellisierung? Bei Ärzten selbst fange das schon im Medizinstudium an, findet Zuberbier. Allergien würden nur am Rande behandelt. «Alle Hausärzte haben eine solche Prägung erhalten.» Dem Allergieforscher missfällt zudem der Tenor in vielen medialen Beiträgen.

Bei Artikeln über Diabetes oder Schlaganfälle würde ernsthafter geschrieben, während über Allergien netter geschrieben werde, höchstens als «lästige Beschwerde». «Schauen Sie sich die oft leicht humorvollen Illustrationen zu Allergien in Medien an, wohingegen ein Artikel zum Herzinfarkt immer mindestens mit einem leidenden Gesicht illustriert wird», sagt Zuberbier. Mmmh. Da hat er einen Punkt.

Immuntherapie oder Hyposensibilisierung

Und ja, wirklich: Es scheint auch immer noch an Aufklärung über die Folgen und Behandlungsmethoden der Allergien zu fehlen. Wer auch nur niese, sagt Zuberbier, so klar könne man das sagen, der sei falsch behandelt. Je nach Symptomen gehören zu einer angemessenen Behandlung der Einsatz von Augentropfen, modernen kortisonhaltigen Nasensprays, die nicht mehr in die Blutbahn gehen, und modernen Antihistaminikum-Tabletten, die nicht mehr müde machen wie noch vor ein paar Jahren. Und neben der symptomatischen Behandlung sollten Allergiker auch eine ursächliche angehen: eine kontinuierliche Immuntherapie oder Hyposensibilisierung, bei der das Immunsystem durch die Einnahme kleiner Mengen des jeweiligen Allergens an Pollen gewöhnt wird. Manchen hilft das.

Es gibt da natürlich noch andere Ansätze. Der japanische Arzt Koichiro Fujita zum Beispiel verzehrte mit Parasiten befallene Lachse und züchtete sich auf diese Weise zehn Meter lange japanische Fischbandwürmer im Darm. Die Parasiten, so seine Idee, halten das Immunsystem in Schach. Schliesslich attackiert das Immunsystem die ungefährlichen Pollen nur, wenn es unterbeschäftigt ist. Der Zeit verriet Fujita damals, dass ein Bandwurm manchmal zum Vorschein komme, weil sein Darm nur neun Meter lang sei und er den Wurm daher, nun ja, einmal im Monat abschneiden müsse. Der Aufwand soll sich immerhin ausgezahlt haben: Fujita nahm zwar heftig ab, von 85 auf 70 Kilogramm, hatte aber keine Probleme mehr mit seiner Allergie. Bitte nicht nachahmen.

Erstellt: 24.06.2019, 17:47 Uhr

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