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«Andere Planeten als Ersatz für die Erde, das können wir vergessen»

Nobelpreisträger Michel Mayor über fracktragende Jugendliche, die Konkurrenz in den USA und die Suche nach Leben im All.

«Allein in unserer Galaxie gibt es ­200 Milliarden Sterne»: Michel Mayor. Foto: Lundi13
«Allein in unserer Galaxie gibt es ­200 Milliarden Sterne»: Michel Mayor. Foto: Lundi13

Herr Mayor, als frischgebackener Nobelpreisträger fühlt man sich wohl wie von einem anderen Stern.

Es ist wirklich eine spezielle Situation. Von einigen früheren Nobelpreisträgern habe ich Nachrichten erhalten im Sinne von: Bon courage! Sie wünschten mir viel Erfolg, um die nächste Woche zu überstehen. (lacht) Aber ich will mich nicht beklagen. Insgesamt ist es ein sehr freudiges Ereignis, den Nobelpreis zu erhalten.

Sie mussten ja lange warten, bis es schliesslich so weit war.

Ach, nein. Wenn man auf den Nobelpreis wartet, macht man sich verrückt.

Aber Sie wussten, dass Sie und Didier Queloz mehrmals für den Nobelpreis nominiert waren.

Wenn man für den Nobelpreis nominiert ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man ihn auch erhält. Es gibt so viele exzellente Wissenschaftler auf der Welt.

Haben Sie schon Frack, weisse Weste, weisse Fliege und schwarz glänzende Lacklederschuhe für die Preisverleihung nächste Woche besorgt?

Nein, das werde ich erst in Schweden besorgen. Nicht nur für mich. Meine Familie ist dabei. Wir haben drei Kinder, fünf Enkelkinder. Alle kommen mit, und alle männlichen Besucher müssen einen Frack tragen. Es wird sicher lustig, die Teenager in den Schwalbenschwänzen zu sehen. Wichtiger als die Sache mit den Kleidern ist für mich aber die Vorbereitung auf die Nobel-Vorlesung, die ich am Sonntag halte.

War es Glück, dass Sie den ersten Exoplaneten entdeckt haben?

Die Entdeckung von 51 Pegasi b war absolut kein Zufall. Wir hatten ein neues Instrument entwickelt. Es war eine Kombination aus der Effizienz dieses Spektrografen, der Beobachtungsstrategie und der Computerleistung, die zum Erfolg geführt hat.

Bereits Ende 1994 hatten Sie erste Hinweise auf 51 Pegasi b. Warum haben Sie das nicht gleich publiziert? Haben Sie Ihren Daten nicht getraut?

Nein, nein. Wir waren absolut sicher, dass die Qualität der Daten gut ist. Wir waren aber unsicher, was deren Interpretation anbelangt. Denn der potenzielle Planet war sehr aussergewöhnlich. Er brauchte nur 4,2 Tage, um seinen Mutterstern zu umrunden. Aufgrund der Theorie war es eigentlich ausgeschlossen, dass so ein Objekt existiert.

Hätten die Daten auch ohne ­Planet erklärt werden können?

Ja, zum Beispiel durch eine starke magnetische Aktivität des Sterns. Das könnte ähnliche Helligkeitsschwankungen verursachen, als würde alle 4,2 Tage ein Planet vor dem Stern vorbeiziehen. Daher haben wir entschieden, die Bekanntgabe um ein Jahr zu verschieben, um alle alternativen Erklärungen auszuschliessen.

Wenn es um die Qualitätskontrolle der Daten geht, wird Ihnen nachgesagt, Sie seien etwas stur.

(lacht) Wissen Sie, in den Jahrzehnten vor unserer Entdeckung wurden regelmässig vermeintliche Exoplaneten angekündigt, was sich im Nachhinein als falsch erwies. Das ist auf lange Sicht sehr schlecht für das Image einer Forschergruppe. Daher habe ich entschieden: Wir werden nicht vorschnell etwas ankündigen. Erst als wir im Juli 1995 das gleiche Phänomen nochmals beobachten konnten, wussten wir mit Sicherheit, was wir entdeckt hatten.

«Allein in unserer Galaxie gibt es 200 Milliarden Sterne und entsprechend viele Planeten. Planetensysteme sind die Regel, nicht die Ausnahme.»

Die Konkurrenz, allen voran die US-Astronomen Geoffrey Marcy und Paul Butler, mussten sich dann vor den Medien rechtfertigen, nicht schneller gewesen zu sein.

1994 hatten Marcy und Butler 25 von 56 Sternen analysiert und berichteten auf einer Konferenz in München, sie hätten keinen jupiterähnlichen Planeten entdeckt. Das Verrückte war: Unter den restlichen Sternen fanden sich tatsächlich welche, die von Exoplaneten umkreist wurden. Doch Marcy und Butler hatten viel mehr Mühe mit der Auswertung der Daten. Sie sagten, das habe auch damit zu tun, dass ihr Computer nicht stark genug sei. Sofort hat der Computerhersteller Sun den beiden einen schnelleren Computer zur Verfügung gestellt. Dann haben Marcy und Butler die Daten analysiert und zwei weitere Exoplaneten entdeckt. Die steckten also bereits in den Daten, aber die Daten waren noch nicht fertig analysiert.

Haben Sie damals erwartet, dass praktisch jeder Stern ein Planetensystem besitzt?

Nein. 51 Pegasi b war ein seltsames Objekt, das man nicht erwartet hatte. Ich war absolut nicht in der Lage, davon ausgehend zu extrapolieren, was man bei anderen Sternen finden würde.

Mittlerweile sind mehr als 4000 Exoplaneten bekannt. Was sagt das über die Stellung des Menschen im Universum aus?

Allein in unserer Galaxie gibt es 200 Milliarden Sterne und entsprechend viele Planeten. Planetensysteme sind die Regel, nicht die Ausnahme. Das wurde übrigens schon früher thematisiert. Die alten griechischen Philosophen diskutierten über die Vielfalt von Welten im Universum. Auch im Mittelalter gab es Philosophen, die so dachten. Das ist keine neue Idee. Aber jetzt ist sie bewiesen.

Um die Frage nach unserer Stellung im Weltall zu beantworten, müssen wir noch wissen, ob es da draussen Leben gibt.

Das ist aktuell eine grosse Debatte. Manche argumentieren: Es gibt so viele Planeten. Da muss es doch an vielen Orten Leben geben.

Das ist kein Beweis.

Natürlich nicht. Ich selbst bin zwar ziemlich davon überzeugt, dass die Entwicklung von Leben ein normaler Prozess ist, der immer stattfindet, wenn die Bedingungen stimmen. Aber das ist meine Meinung, keine Wissenschaft. Viele Astrobiologie-Institute beschäftigen sich heute mit diesen Dingen.

Manche sagen, die Natur kann Leben nicht hervorbringen. Dafür ist Leben zu komplex.

Um die Chemie für Leben zu machen, haben wir im Universum sehr viele Planeten und sehr viel Zeit. Im Labor ist es uns jedoch noch nicht gelungen. Im Moment sehe ich daher nur eine Möglichkeit, die Frage nach Leben im Universum zu beantworten: Wir müssen es im Weltall beobachten.

Wie könnte das gelingen?

Man könnte in der Atmosphäre von Exoplaneten nach sogenannten Biomarkern suchen, die zeigen, dass dort Leben vorhanden sein muss. Das kann zum Beispiel der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre sein. Die Erdatmosphäre hat 20 Prozent Sauerstoff. Das ist nicht normal.

Warum nicht?

Weil Sauerstoff gerne reagiert. Durch Oxidation müsste permanent ein Teil des Sauerstoffs aus der Atmosphäre verschwinden. Um längerfristig 20 Prozent Sauerstoff in der Atmosphäre zu haben, braucht es eine aktive Quelle. Die wahrscheinlichste ist Leben.

Wann erwarten Sie eine Antwort auf die Frage nach Leben im All?

Ich würde sagen, es braucht eine Generation. Aber ehrlich gesagt, bin ich nicht übermässig optimistisch, denn es ist eine sehr schwierige Aufgabe.

Warum?

Die Leuchtkraft des Sterns ist üblicherweise rund eine Milliarde mal höher als die eines Planeten. Es ist sehr schwierig, das Licht des Sterns abzuschirmen, um die Planetenatmosphäre überhaupt analysieren zu können. Es ist möglich. Aber es ist schwierig.

«Für mich ist Wissenschaft in vielerlei Hinsicht weit spannender als jede Science-Fiction.»

Wie können wir von dieser Forschung profitieren?

Der direkteste Nutzen ist eine Erkenntnis: Es gibt da draussen keinen Planeten B, der als Ersatz für die Erde herhalten könnte.

Lebensfreundliche Exoplaneten dürfte es durchaus geben.

Aber die sind viel zu weit weg. In einem sehr optimistischen Fall könnte sich ein perfekt bewohnbarer Planet in einer Entfernung von sagen wir rund 30 Lichtjahren finden. Wenn man ein Raumschiff mit der gleichen Geschwindigkeit wie Apollo 11 dorthin schicken würde, bräuchte man für die Reise rund acht Millionen Jahre. Exoplaneten als Ersatz für die Erde, das können wir vergessen.

Wir könnten auf den Mars auswandern.

Der Mars ist eine andere Geschichte. Der befindet sich in unserem Sonnensystem. Aber auch hier muss man beachten, dass die schlimmsten Orte auf der Erde noch immer weit lebensfreundlicher sind als der Mars.

In der Science-Fiction gibt es Überlegungen, den Mars in eine Erde zu transformieren.

Das sind schöne Ideen, die wenig mit der Realität zu tun haben.

Lesen Sie gerne Science-Fiction?

Wenig. Für mich ist Wissenschaft in vielerlei Hinsicht weit spannender als jede Science-Fiction.

In der Sternwarte Genf bei Versoix herrscht rege Betriebsamkeit. Am Haupteingang wird ein kleines Podium aufgebaut. Nebenan in der Cafeteria werden Tische mit Sektgläsern vorbereitet. Am Nachmittag geht hier der offizielle Festakt des Observatoriums für die beiden Physik-Nobelpreisträger Michel Mayor und Didier Queloz über die Bühne. Für das Interview öffnet Mayor das Büro von Queloz, der gerade nicht vor Ort ist. In einer Ecke steht eine Pappfigur von C-3PO, dem goldfarbenen, humanoiden Roboter aus Star Wars.

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