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In der abgeriegelten Millionen-Metropole

In Wuhan sind die Coronavirusfälle sprunghaft angestiegen. Bewohner dürfen die Stadt nur noch mit Sondergenehmigung verlassen.

Infizierte werden in speziellen Behältern abtransportiert, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. (Video: Tamedia)

Eine Gruselgeschichte in vier Worten? Ich komme aus Wuhan. Ein Witz, den man sich in China in diesen Tagen erzählt. In kürzester Zeit ist die Elf-Millionen-Stadt als Ursprungsort für das neue Coronavirus in China unfreiwillig berühmt geworden. Noch hat das Virus keinen Namen. Die Menschen in der zentralchinesischen Metropole hoffen, dass es nicht nach ihrer Stadt benannt wird.

Im Netz spricht man schon von Fluhan, Stadt der Grippe. Ab Donnerstag dürfen Bewohner die Stadt nur noch mit einer Sondergenehmigung verlassen, berichtet der staatliche Fernsehsender CCTV. Der Verkehr aus Wuhan werde gekappt, alle Flüge und Züge aus der Millionenstadt gestoppt.

Noch keine Panik

Wer in Wuhan selbst die Notaufnahmen von Krankenhäusern aufsucht, erlebt nirgendwo Panik. Zwar werden in einem Hospital mehrere Patienten abgewiesen, die sich am Eingang drängen. «Wir können niemanden mehr aufnehmen», heisst es. Aber es handele sich um ein Krankenhaus, das ausschliesslich die akuten Fälle behandele, erklärt ein Mitarbeiter.

Viele Patienten wollten Ärzte aber auch aus anderen Gründen sehen. Mindestens in einem weiteren Krankenhaus der Stadt geht es am Mittwoch tatsächlich etwas entspannter zu. Es ist zwar voll, aber nicht überfüllt. Ein Patient berichtet aus einer Klinik, dass viele Menschen aus Angst kämen, aber systematisch und in Ruhe behandelt würden.

Seit Anfang der Woche sind die Fallzahlen des Virus, das aus derselben Familie wie Sars stammt, um ein Drittel gestiegen. Mehr als 540 Fälle, 17 Tote, viele Schwerkranke. Experten gehen davon aus, dass die Zahlen wohl deutlich höher sind – und weiter steigen.

Ausgehender Verkehr gesperrt

In Süd- und Zentralchina gibt es fast in jeder Provinz Fälle. Im Norden in Peking, im Süden in Guangzhou, im Osten in Shanghai. Das neue Virus ist mit den Menschen quer durchs Land gereist. In Asien sind mindestens fünf Staaten betroffen, ebenso die USA (lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus).

Nachdem der erste Krankheitsfall am 31. Dezember bekannt wurde, durften zunächst nur Menschen mit Symptomen Wuhan nicht mehr verlassen. Jetzt haben die Behörden angekündigt, dass ab Donnerstagmorgen der Flughafen und die Bahnhöfe für den ausgehenden Verkehr gesperrt werden; auch Busse, U-Bahnen und Fähren sollen vorübergehend nicht mehr fahren.

Die Bewohner sollen die Stadt nur noch aus besonderen Gründen verlassen, was auch immer das heisst. Autofahrer werden bereits stichprobenartig kontrolliert. Zehntausende Reisende hatten ihre Tickets nach Wuhan schon in den vergangenen Tagen storniert.

Zehntausende haben ihre Tickets nach Wuhan inzwischen storniert

Es ist ein tiefer Einschnitt in das gewohnte Leben zu dieser Jahreszeit. Am kommenden Samstag wird das chinesische Neujahrsfest gefeiert; in diesen Wochen unternehmen die Menschen im Schnitt drei Milliarden Fahrten. Etliche Familien reisen zu ihren Verwandten in anderen Teilen des Landes, einige auch zum Urlaub in andere Länder.

Die Inkubationszeit des Coronavirus beträgt acht bis zehn Tage. Gut möglich, dass viele Menschen beim Verlassen der Stadt noch keine Symptome wie Fieber oder Atembeschwerden zeigen. Ein Experte der nationalen Gesundheitskommission hatte den Menschen in Wuhan vor wenigen Tagen geraten, zu Hause zu bleiben, um eine weitere Verbreitung auszuschliessen. Im Namen Pekings gab er am 10. Januar auch das Versprechen ab, die Behörden hätten alles im Griff. Er war für eine Inspektion extra nach Wuhan gekommen. Nun stellt sich heraus, dass er sich dabei selbst angesteckt hat.

Kein Wunder, dass Ministerpräsident Li Keqiang am Mittwoch lieber ein Krankenhaus in Qinghai besuchte, um die Unterstützung der Regierung zu zeigen – fast 1300 Kilometer entfernt von Wuhan.

Zeichen beginnender Hysterie

Die Chinesen erzählten sich am Wochenende auch noch einen weiteren Witz. In China muss sich niemand Sorgen machen. Chinesen sind gegen das neue Virus immun. Wieso? Es gibt ja nur neue Fälle im Ausland. Experten in Grossbritannien hatten schon vergangene Woche anhand der Fälle im Ausland errechnet, dass etwas mit den Zahlen aus Wuhan nicht stimmen konnte. Während dort immer neue Fälle entdeckt wurden, gab es tagelang keine neuen Erkrankten in der Stadt, aus der sämtliche Infizierte gekommen waren.

Dass die offiziellen Zahlen Anfang der Wochen in Wuhan plötzlich einen Sprung machten, kann kaum Zufall sein. Sie haben jetzt nur genauer hingeschaut, sagen die, die es gut meinen mit den lokalen Behörden. In China glaubt das kaum jemand. Plausibler klingt für sie, dass die Funktionäre in Wuhan gezögert haben, als sie merkten, dass die Zahlen weiter in rasantem Tempo stiegen.

Die Krankheitsfälle im Ausland setzen die Regierung international unter Druck. Im Inland wächst die Angst vor einer unkontrollierbaren Epidemie. Unabhängig davon, wie sich die Lage entwickelt, Peking wird nach Verantwortlichen suchen. Präsident Xi Jinping selbst hat sich eingeschaltet, harte Massnahmen angekündigt und gemahnt, nun nicht eigene politische Interessen über das Wohl der Menschen zu stellen. Das dürfte sehr ernst gemeint sein. Und wird in Wuhan als die Drohung verstanden, die sie ist. Die Parteispitze dort kämpft nicht nur gegen das Virus – sondern auch um ihr politisches Überleben.

Die Regierung muss die Menschen informieren, damit sie sich schützen.

Acht Menschen hatten die Behörden in Wuhan zunächst verhaften lassen, weil diese früh in Internetforen über Ähnlichkeiten zum Sars-Virus schrieben. Inzwischen lässt die Parteispitze die Debatten zu. Die Regierung muss die Menschen informieren, damit sie sich schützen. Gleichzeitig droht sie dadurch die Kontrolle über den Diskurs zu verlieren. Für Peking eine ungewöhnliche Gratwanderung. Hunderte Millionen Menschen lesen, kommentieren, teilen nun Informationen im Sekundentakt.

Die Nachricht, dass auch medizinisches Personal betroffen ist – ein Hinweis darauf, dass das Virus ansteckender war als erwartet -, wurde mehr als 1,5 Milliarden Mal angeklickt. Jeder, so scheint es, kennt nun einen Arzt aus Wuhan, hat von jemandem gehört, dass es doch schlimmer sei, als alle sagen. Das Land droht in Hysterie zu verfallen. Die Hamsterkäufe von Schutzmasken sind ein erstes Anzeichen dafür.

Welche Dynamik die Debatten im Netz annehmen, zeigt ein Video, das in einem Krankenhaus im Zentrum Wuhans aufgenommen und oft geteilt wurde. Ein Mitarbeiter hatte eine Untersuchung in der Notaufnahme gefilmt. Ärzte in Vollanzügen lösten Panik aus. Wäre das Virus nicht so ansteckend, bräuchte es keine Ganzkörperanzüge, so die Logik. In Wuhan sagte ein Mitarbeiter des Krankenhauses der Süddeutschen Zeitung hingegen, dies sei eine übliche Vorsichtsmassnahme.

Ein Problem für Peking ist, dass immer mehr Menschen fordern, die Regierung müsse härter vorgehen – gegen Wuhan. Wenn die Stadt das Land verseuche, dann müsse sie eben isoliert werden. Eine Dorfregierung in der Nähe von Wuhan forderte die Bürger auf, ihre Familienangehörigen von einem Besuch zu Hause abzuhalten. Ein Videoanruf zum Neujahrsfest sei in diesem Jahr genug. «Wenn wir herauskriegen, dass sich eine Person aus Wuhan in einem Haushalt des Dorfes aufhält, verliert dieser alle staatlichen Zuschüsse für den Weizenanbau», drohte die Lokalregierung. Die Nachricht erhielt online viel Zuspruch. Präsident Xi hat das Virus mit seinen Äusserungen zur Chefsache gemacht. Das kann zu mehr Transparenz führen, muss es aber nicht.

Durch illegal am Markt verkaufte Tiere übertragen

Am inzwischen geschlossenen Fischmarkt, an dem sich im Dezember zum ersten Mal Menschen mit dem Virus infiziert hatten, warteten am Mittwoch Dutzende Verkäufer vor dem Büro der Marktleitung. Die Hallen wurden nach dem Ausbruch sofort geräumt. Um Proteste zu vermeiden, erhalten die Händler eine Einmalzahlung von 10'000 Kuai, umgerechnet 1300 Euro. Dazu soll der Wert der beschlagnahmten Waren erstattet werden. Zumindest der legalen Waren. Die Behörden bestätigten inzwischen, dass die Krankheit durch illegal am Markt verkaufte Tiere übertragen wurde. Am Markt zeugen Werbeplakate mit Angeboten für Schlangen, Kängurus, Stinktiere, Krokodile, chinesische Riesensalamander und rothaarige Tausendfüsser davon, dass dieser Handel nicht besonders geheim abgelaufen sein kann.

«Gekauft wird, was gekauft wird», sagt einer der Händler, die für ihre Entschädigung anstehen. Er zieht seine Maske herunter, rotzt auf den Fussboden und zieht dann an seiner Zigarette. «Da muss man sich jetzt keinen Kopf wegen machen.» Streit gibt es an dem Nachmittag nicht. Offenbar erhalten alle ihre Entschädigung, soweit sie ihre Geschäftslizenzen vorlegen können. Angespannt sind nur die Polizisten, die das Gelände bewachen. Ein Polizeiwagen filmt jeden Besucher. Journalisten will man dort offenbar nicht sehen. Männer, einige davon in Zivil, drängen Journalisten weg und wollen bei mindestens einem das Handy sehen. Keine Interviews, keine Fotos vom Markt.

Einige Hundert Meter entfernt liegt der Bahnhof Hankou. Dort versammeln sich fast zur selben Zeit Polizisten in Uniform zu einem Fototermin. Mit Mundschutz patrouillieren sie für die Kamera eines Fotografen der Einheit auf und ab. Im Hintergrund die Reisenden. Das Foto soll zeigen: alles wieder unter Kontrolle in Wuhan.

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