Meditieren stärkt die Selbstheilungskräfte

Genesung durch Achtsamkeit – das ist kein esoterischer Hokuspokus, sondern eine neue Therapie am Universitätsspital Zürich.

«Meditation stärkt die Selbstheilungskräfte»: Claudia Witt lässt ihre Patienten am Universitätsspital Zürich meditieren. Symbolfoto: iStock

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Manchmal spürt Maria Müller* den Schmerz in den Schultern und Hüften. Manchmal in den Knien, Füssen und Händen. «Er wandert, aber er ist immer da», sagt sie. Ursache ihrer Gelenkbeschwerden ist eine seltene Autoimmunerkrankung namens Neurosarkoidose, an der die 46-Jährige seit drei Jahren leidet. Sie bekam von Anfang an starke Medikamente dagegen, doch der Schmerz blieb. Sie fühlte sich ohnmächtig. «Irgendwann fragte ich meine Ärzte: Gibt es denn gar nichts, was ich selbst tun kann?» Die Ärzte verwiesen sie ans Institut für komplementäre und integrative Medizin des Universitätsspitals Zürich (USZ). Dort nahm Maria Müller an einem Kurs teil, der auf der sogenannten Mind Body Medicine basiert und ihr aufzeigte, wie sie sich selbst helfen kann.

Die Mind Body Medicine ist ein wissenschaftlich abgestütztes medizinisches Konzept, das die Psyche (Mind) mit dem Körper (Body) verbindet. Es beschäftigt sich damit, wie wir mit unseren Gedanken und unserem Verhalten unser körperliches Wohlbefinden beeinflussen können. «Die Mind Body Medicine stärkt die eigenen Ressourcen und Selbstheilungskräfte, damit man mit Belastungen besser fertig wird», sagt die Ärztin Claudia Witt, die das Institut am USZ leitet.

Entwickelt wurde die Mind Body Medicine (MBM) bereits in den 1970er-Jahren vom US-Kardiologen Herbert Benson an der Harvard Medical School in Boston. Der Stressforscher wies als einer der Ersten nach, wie der Mensch durch Entspannung Körperfunktionen wie Atmung, Blutdruck oder Herzfrequenz positiv beeinflussen kann. Er konnte etwa zeigen, wie Entspannung Nebenwirkungen von Krebstherapien lindern kann. Zwei Forschende der Universität Duisburg-Essen haben seinen Ansatz durch naturheilkundliche Methoden erweitert. Heute schöpft die Mind Body Medicine aus einem grossen Reservoir von Massnahmen wie Achtsamkeit, Entspannungstechniken, gesunder Ernährung, Bewegung wie Qigong oder Yoga sowie naturheilkundlichen Selbsthilfestrategien wie Akupressur.

Vom Nutzen überzeugt

In den Vereinigten Staaten bieten inzwischen viele Spitäler Mind Body Medicine an, und auch in Deutschland hat sie sich bereits in einigen Kliniken etabliert. In der Schweiz ist das Konzept nun ebenfalls angekommen. Die Medizinerin Claudia Witt lernte MBM im Rahmen ihrer Tätigkeit in den USA und in Deutschland kennen. Als sie im Jahr 2014 die Leitung des Instituts für komplementäre und integrative Medizin übernahm, führte sie MBM ein, weil sie von ihrem Nutzen überzeugt ist. «Mind Body Medicine fliesst bei uns in jede Behandlung mit ein», sagt Claudia Witt. «Dabei passen wir das Angebot an die jeweilige Erkrankung an.»

Nebst individuellen Therapien finden regelmässig MBM-Gruppen für Krebs- und Schmerzpatienten sowie für Patienten mit Reizdarm statt. «Das Angebot kommt bei den Patienten gut an», sagt Witt. «Viele wünschen sich eine Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung, um mit der Krankheit besser umzugehen und selber etwas tun zu können.»

«Oft sind es nur kleine Schritte, und trotzdem geht es vorwärts.»Maria Müller, Patientin

Maria Müller wusste, dass die Mind Body Medicine ihre Schmerzen nicht wegzaubern würde. «Ich hoffte aber, Anregungen zu bekommen, wie der Schmerz weniger präsent wird in meinem Leben.» Der Kurs war vollgepackt mit Informationen: «Ich erfuhr, was Achtsamkeit bedeutet, lernte Entspannungstechniken kennen, bekam Ernährungstipps und eine Einführung in Akupressur oder Schröpfmassagen.» Dabei konnte sie das weiterverfolgen, was für sie Sinn machte. «Es ist ein neuer Weg, den ich eingeschlagen habe.»

Maria Müller absolviert täglich ihre Atemübung und gönnt sich gerade dann einen Spaziergang, wenn sich die Arbeit stapelt. «Oft sind es nur kleine Schritte, und trotzdem geht es vorwärts.» Auch ihre Ernährung sei bewusster geworden, sie achtet zum Beispiel darauf, mehr Gemüse zu essen. Aus dem Bereich der Komplementärmedizin hat sie die Schröpfmassage mit Glaskugeln begeistert, und sie wendet diese zu Hause bei sich selbst an.

Auch Andrea Marti*, die an einem MBM-Kurs für Krebspatienten teilnahm, setzt das Gelernte im Alltag um. Die 39-Jährige erkrankte letztes Jahr an Lymphdrüsenkrebs. Nicht nur die Diagnose und die damit verbundenen Ängste, sondern auch die Chemotherapie waren eine grosse Belastung. «Der Kurs hat mir geholfen, mehr Entspannung in mein Leben einzubauen», sagt sie. Sie lernte dort die Achtsamkeitsmeditation kennen, seither sitzt sie täglich eine Viertelstunde im Lotussitz und versucht, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. «Immer wenn ich merke, dass meine Gedanken abschweifen, lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Atem.» Das Meditieren hilft ihr, mehr im Hier und Jetzt zu leben, statt sich um Vergangenes zu kümmern oder sich Sorgen um die Zukunft zu machen.

«Nur das, was sich bei einer Erkrankung als wirksam erweist, wird dem Patienten auch empfohlen.»Claudia Witt, Ärztin

Die Mind Body Medicine ist kein esoterischer Hokuspokus, sondern nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse. «Ihre Inhalte passen sich dem aktuellen Forschungsstand an», erklärt Claudia Witt. «Nur das, was sich bei einer Erkrankung als wirksam erweist, wird dem Patienten auch empfohlen.» Wissenschaftlich gut untersucht sind etwa achtsamkeitsbasierte Verfahren. Sie wirken sich Studien zufolge positiv auf die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen aus. Aber auch bei chronischen Schmerzen und bei stressbedingten Krankheiten wie Depressionen, Ängsten oder Hautkrankheiten hat sich Achtsamkeit bewährt. «Achtsamkeit ist ein wichtiges Fundament der Mind Body Medicine, auf dem andere Massnahmen aufbauen», erklärt Claudia Witt. «Wenn wir achtsam sind, spüren wir auch, wie es uns geht und was wir brauchen.»

Das Gute im Leben beachten

Um gesundheitsfördernde Verhaltensweisen einzuüben und in den Alltag einzubauen, integriert MBM auch Elemente der Verhaltenstherapie sowie der positiven Psychologie. Diese lenkt den Fokus darauf, was dem Menschen guttut. «Vereinfacht gesagt, geht es darum, das Glas halb voll statt halb leer zu sehen.» Maria Müller hat sich diese Haltung zur Maxime gemacht. «Es gab eine Übung aus dem Kurs, die ich heute noch praktiziere», erzählt sie. Dabei gehe es darum, nicht immer gleich das Schlimmste anzunehmen. «Reagieren zwei Menschen nicht auf mein Grüezi, versuche ich nicht zu denken, für die bin ich ein Niemand. Ich stelle mir stattdessen vor, dass sie mich vielleicht nicht gehört haben, weil sie so ins Gespräch vertieft waren.» Diese Sichtweise zu üben, mache das Leben friedlicher. Maria Müller notiert sich auch regelmässig drei Dinge, die ihr tagsüber Freude bereitet haben. Durch den Kurs habe sie gelernt, sich besser Sorge zu tragen. «Die Schmerzen begleiten mich zwar immer noch, doch sie beherrschen mich nicht mehr.»

«Ich versuche das, was ich meinen Patienten vermittle, zu leben.»Claudia Witt, Ärztin

Bei der früheren Krebspatientin Andrea Marti schlug die Chemotherapie gut an, sie gilt heute als geheilt. «Der Kurs hat mir nicht nur geholfen, die Krankheit besser zu bewältigen», sagt sie. «Er hat mir Energie gegeben, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.» Sie achtet vermehrt darauf, sich nicht zu überfordern, und übt sich in Gelassenheit. «Ich setze mich weniger unter Druck und habe mehr Verständnis dafür, wenn ich mal was nicht schaffe.»

Claudia Witt vom Universitätsspital Zürich ist überzeugt, dass die Mind Body Medicine auch ein grosses präventives Potenzial hat, und plant längerfristig Kurse für gesunde Menschen. Viele Elemente sind schon jetzt für die breite Bevölkerung verfügbar, zum Beispiel Kurse in Achtsamkeit, Yoga oder Qigong. Claudia Witt selbst macht regelmässig Sport, Entspannungsübungen, versucht, alltägliche Dinge wie Essen oder Zähneputzen achtsam zu tun und sich ausgewogen zu ernähren. «Ich versuche das, was ich meinen Patienten vermittle, zu leben.»

* Name geändert.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 14.05.2018, 15:54 Uhr

Atemübungen

1. Entspannen
Nehmen Sie eine entspannte Sitzoder Liegeposition ein. Lassen Sie die Schultern los, und schliessen Sie die Augen für 10 Sekunden.

  • 2. Konzentrieren
    Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem. Konzentrieren Sie sich für eine Minute auf Ihren Atemrhythmus.

  • 3. Rythmus finden
    Legen Sie nun eine Hand auf Ihren Bauch oberhalb Ihres Nabels, die andere auf den Brustkorb. Vertiefen Sie Ihre Atmung, und kommen Sie zu einem verlängerten Atemrhythmus: einatmen und bis 3 zählen, ausatmen und dabei bis 6 zählen. Bleiben Sie die nächsten zehn bis zwanzig Atemzüge bei diesem Rhythmus. Mit der Zeit kann er verlängert werden, zum Beispiel von 3/6 auf 4/8.

    Quelle: Universitätsspital Zürich

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