Viele Kinder tappen in die Falle der Perfektion

Immer mehr Kinder leiden an Migräne. Schnell werden PC und Handys als Grund vermutet – doch schuld sind andere Faktoren.

Das Pochen wird stärker und ein Gefühl der Ohnmacht stellt sich ein: Ein Mädchen kämpft mit Migräne. Foto: iStock

Das Pochen wird stärker und ein Gefühl der Ohnmacht stellt sich ein: Ein Mädchen kämpft mit Migräne. Foto: iStock

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Was für ein Anblick. David Jocic lehnt lässig in roter Trainingsjacke an der Lehne eines Holzstuhls, scherzt mit den Ärzten in der Ambulanz und mit seiner Mutter, die immer wieder in lautes Gelächter ausbricht.

Der 13-Jährige ist an Migräne erkrankt, passt aber heute so wenig in das Bild leidgeplagter Kopfschmerzpatienten wie ein ungebetener Gast, der sich heimlich auf ein Familienfoto gedrängt hat. Weil er trotz Erkrankung so vergnügt ist. Aber auch, weil sein Beispiel pauschale Urteile über die Auslöser von Kopfschmerzen bei Kindern als Vorurteile entlarvt.

Für David Jocic kamen die Kopfschmerzen vor einem Jahr aus dem Nichts, auf dem Heimweg von der Schule überfielen sie ihn zum ersten Mal. Nie zuvor hatte er von Migräne gehört, er ahnte nicht, dass er von nun an zu den vielen Kindern und Jugendlichen zählen würde, die heute an Kopfschmerzen leiden.

Warum Teenager wie David davon betroffen sind, versuchen Mediziner, Eltern, Lehrer zu beantworten, am liebsten rasch und eindeutig. Die Kinder hängen zu lange an ihren Handys. Sie spielen zu viele Videospiele. Sie verbringen zu viel Zeit am Computer.

«Die Sicht auf Kopfschmerzen sagt viel über die gegenwärtige Gesellschaft», sagt Florian Heinen, Leiter des integrierten sozialpädiatrischen Zentrums der LMU München. Oft werde heute die Formel entwickelt, dass es mehr Kopfschmerzen gebe, weil die Welt schlechter werde. «Da wird gern dramatisiert», erklärt der Kinderarzt und Neurologe.

Das Schmerzempfinden bei Kindern

Unbestritten ist, dass die Anzahl der Teenager mit Kopfschmerzen und Migräne in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat. Je nach Studie oder Umfrage schwanken die Angaben erheblich, neue Auswertungen des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2017 ergaben, dass unter deutschen Teenagern von elf bis 17 Jahren mehr als jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge wiederholt an Kopfschmerzen leidet. In der Schweiz klagen gemäss einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO 12 Prozent der elfjährigen Schüler regelmässig über Kopfschmerzen.

Wie neu das Interesse an der Entstehung von Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern ist, lässt sich aus der jüngsten Medizingeschichte herauslesen. Noch in den Siebzigerjahren waren Ärzte davon überzeugt, dass zumindest Kleinkinder gar keine Schmerzen empfinden können; sie operierten ihre jungen Patienten ohne Schmerzmittel. «Erst mit dem Beginn der Schmerztherapie bei Erwachsenen änderte sich auch der Blick auf die Kinder und auf ihr Schmerzempfinden», sagt der Anästhesist Wilfried Witte von der Charité in Berlin.

Vermutet wurde, dass stundenlanger Gebrauch von Handys und Spielkonsolen zu mehr Kopfschmerzen führen würden.

Bis heute werden Kopfschmerzen als Erkrankung oft nicht ernst genommen, sie gelten als Luxusproblem einer Gesellschaft, die sonst keine Sorgen hat. «Das sehen wir nicht so», sagt Heinen. Stattdessen seien sie ein Zeichen dafür, dass manches nicht so gut läuft, obwohl es uns insgesamt gut geht. Seit Jahren beschäftigt sich der Kinderarzt mit möglichen Ursachen der Kopfschmerzen seiner Patienten. Und musste feststellen, dass in der Diskussion oft Zusammenhänge instrumentalisiert werden, um andere Botschaften zu vermitteln. Wie eben zum Beispiel die Ängste vor der digitalen Welt.

Was hinter solchen Behauptungen steckt, hat sein Kollege Rüdiger von Kries untersucht. Er schaute sich an, wie viel Zeit Jugendliche zwischen 13 bis 17 Jahren am Handy oder am Computer, vor dem Fernseher oder mit Spielkonsolen verbrachten. Und wie lange sie Musik hörten. Der Epidemiologe Kries hatte vorab vermutet, dass stundenlanger Gebrauch von Handys und Spielkonsolen zu mehr Kopfschmerzen führen würden. Doch er irrte.

«Patienten mit Migräne können Reize schnell aufnehmen und ihre Aufmerksamkeit ist stets gross.»Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel

Heinen und Kries fanden stattdessen andere Risikofaktoren für Kopfschmerzen und Migräne. Zu wenig Bewegung zum Beispiel, der Konsum von Kaffee und Alkohol. Andere Studien hatten auch Rauchen, Flüssigkeitsmangel und zu wenig Schlaf als Auslöser ausgemacht. Selbst ein regelmässiges Frühstück soll manchen Patienten helfen, wobei sich die Experten hier noch uneins sind. David zum Beispiel blieb oft bis spät nachts auf, trank tagsüber zu wenig und ass morgens nichts. Computerspiele dagegen interessieren ihn nicht besonders.

Gleichzeitig brachte der Junge jedoch ein genetisches Risiko für die Erkrankung mit, wie alle Migräne-Patienten, eine in seinem Erbgut angelegte Reaktionsmöglichkeit des Gehirns. «Diese Patienten können Reize schnell aufnehmen und ihre Aufmerksamkeit ist stets gross», erklärt Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel. Sie bleiben länger an einem Problem dran als andere, selbst wenn sie erkennen, dass es nicht zu lösen ist. Und sie nehmen nicht so schnell wahr, wenn sie eine Pause brauchen, denken nicht dran, etwas zu trinken, etwas zu essen. «Wir reden aber hier nur von Nuancen, es sind keine grossen Unterschiede zu Menschen ohne Migräne», sagt Heinen.

Die psychologische Falle der Perfektion

Was aber bedeutet, dass sich die Kinderärzte das Verhalten und den Lebensalltag jedes einzelnen Patienten genau ansehen müssen. In der Kopfschmerzambulanz des Münchner iSPZ arbeiten die Mediziner daher eng mit Psychologen und Physiotherapeuten zusammen.

Heinen und seine Kollegin Mirjam Landgraf erklären den Patienten und ihren Eltern von Beginn an, dass die Psyche bei Migräne und anderen Kopfschmerzen eine wichtige Rolle spielt. «Mal haben die Kinder Ärger in der Schule. Oder die Eltern streiten sich ständig», berichtet Landgraf.

Manche der jungen Patienten im Münchner Zentrum haben sogar extrem belastende Erfahrungen hinter sich, wie etwa jenes Mädchen, das im Alter von zwölf Jahren von der Krebserkrankung seines Vaters erfuhr. Die Eltern waren getrennt, die Patientin lebte bei der Mutter, zog aber um zum Vater, um ihn im Hospiz bis in den Tod zu begleiten. Danach kehrte die Jugendliche zur Mutter zurück, einer alkoholabhängigen Frau. Und ja, das Mädchen litt an Kopfschmerzen. «Sie musste lernen zu verstehen, dass Kopfschmerzen ein Ausdruck der Psyche sein können», sagt Landgraf. Ausdruck ihrer Ängste und ihrer Überforderung.

«Für eine gesunde Entwicklung des Gehirns ist das Leben der Kinder viel zu schnell getaktet.»Florian Heinen, Leiter eines sozialpädiatrischen Zentrums in München

Das gilt auch für Kinder ohne solche Erfahrungen. Überall herrsche heute der Anspruch, dass man etwas Besonderes leisten müsse, sagt Heinen: «Wir sind in die psychologische Falle der Perfektion getappt.» Unter Erwachsenen genüge es oft nicht mehr, seinen Gästen einfach einen guten Rotwein vorzusetzen. Es müsse eine Flasche von einem kleinen italienischen Landgut sein, das nur der Gastgeber kennt und persönlich besucht hat. »Diesen Anspruch nach Perfektion übertragen wir auf die Kinder«, sagt Heinen.

Am liebsten sollten sie Sport treiben, ein Instrument und Theater spielen. Vor allem aber sollten sie in allem besonders gut abschneiden. Viele Kinder und Jugendliche haben einen komplett verplanten Tagesablauf, eine Verpflichtung reiht sich an die nächste. «Für eine gesunde Entwicklung des Gehirns ist das Leben der Kinder viel zu schnell getaktet», sagt Heinen. Phasen, in denen gar nichts passiert, kämen kaum noch vor.

Zumal sie vieles noch nicht so leisten können wie Erwachsene. Wenn sie zum Beispiel von Mitschülern beschimpft werden oder von ihnen ausgegrenzt, sind diese Verletzungen vermutlich viel tiefer als bei Erwachsenen. Ihr Gehirn kann Kränkungen noch nicht so gut einordnen – dass die Mitschülerin vielleicht neidisch ist oder nur schlechte Laune hat. Doch gerade in den sozialen Medien müssen Kinder heute immer wieder neu ihre Rolle finden und verteidigen. «Das findet nicht wie früher nur auf dem Pausenhof statt, sondern fast ständig», sagt Heinen. Daher habe es auch überhaupt keinen Sinn, den Gebrauch von Handys oder Computern auf ein paar Stunden am Tag zu beschränken. Was in den sozialen Medien passiert und wie Jugendliche damit fertigwerden, sei entscheidend.

Häufige Migräne können die Lebensqualität von Jugendlichen ähnlich stark mindern wie ein Typ-1-Diabetes oder Asthma.

Daran sollten Kinderärzte heute denken, sagt Heinen, und auch an die Unterschiede zu erwachsenen Kopfschmerzpatienten. Etwa, dass Migräne-Attacken bei Kindern deutlich kürzer ausfallen. Und dass sie bei jungen Menschen beidseitig auftreten – im Gegensatz zu älteren Patienten, die typischerweise nur auf einer Kopfseite Schmerzen spüren.

Noch vor einem Jahr musste David manchmal vier bis fünf Tage am Stück in seinem abgedunkelten Kinderzimmer verbringen, weil das Stechen und Pochen in seinem Kopf stetig wiederkehrte. Häufige Kopfschmerzen und Migräne können die Lebensqualität von Jugendlichen ähnlich stark mindern wie ein Typ-1-Diabetes oder Asthma. David Jocic zum Beispiel fehlte zu Anfang der Migräne immer wieder in der Schule, an manchen Tagen musste er sich zusätzlich zu den Kopfschmerzen 13-mal übergeben.

Inzwischen merkt David genau, wann sich ein neuer Migräne-Anfall ankündigt. Dann flimmert es vor seinen Augen. «Ich kann dann nichts mehr sehen», erzählt der Junge. Mediziner nennen das eine Aura, also Symptome, die einer Attacke vorausgehen. Kinder leiden dann oft an Lähmungen, Sprachstörungen oder an Sehproblemen wie David.

Seine Erkrankung genau kennen

Für ihn war es zunächst wichtig zu erfahren, dass er an keiner lebensgefährlichen Krankheit leidet. Im zweiten Schritt zeigte ihm die Kinderärztin Landgraf, wie er Kopfschmerzen und Migräne vorbeugen kann: David nimmt seither eine Flasche Wasser mit in die Schule, auch Übungen zur Entspannung von Nacken und Schultern hat Landgraf ihm gezeigt.

Medikamente zur Vorbeugung von Migräne-Attacken nimmt er nicht, das versuchen Landgraf und Heinen zu vermeiden. Erst im vergangenen Jahr zog eine Studie die Wirksamkeit von üblichen Substanzen wie trizyklischen Antidepressiva und Antiepileptika infrage. Stattdessen geben die Münchner Kinderärzte den Patienten gern Magnesium, einzelne Untersuchungen haben Hinweise auf einen vorbeugenden Effekt geliefert. Zur akuten Therapie eines Migräne-Anfalls verschreiben sie dann gern Ibuprofen oder für Kinder ab zwölf Jahren auch Triptane.

«Das Wissen über Migräne ist enorm wichtig.»Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel

Ändern müsse sich jedoch vor allem die Lebenswirklichkeit der Kinder, sagt Heinen: «In der Schule des 21. Jahrhunderts sollten Bewegung und Entspannung einen ebenso grossen Stellenwert haben wie das Lernen und die digitale Kompetenz.» Landesweite Projekte wie die «Aktion Mütze» der Schmerzklinik Kiel mit kostenlosem Schulmaterial für drei Doppelstunden können bereits helfen. «Das Wissen über Migräne ist enorm wichtig», sagt der Kieler Mediziner Göbel.

David kennt seine Erkrankung inzwischen sehr genau, er hat sich angepasst, er kann sofort reagieren, wenn sich ein neuer Anfall ankündigt. In den vergangenen drei Monaten litt er nur zweimal an Migräne, ohne Übelkeit oder Fehltage in der Schule. In die Münchner Kopfschmerzambulanz muss er nun nicht mehr gehen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 05.10.2018, 16:52 Uhr

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