Wo die wilden Tiere wandern

Mit dem Projekt Icarus sollen die Wanderungen von Wildtieren von der ISS aus analysiert werden. Die Daten könnten auch Menschen nützen.

Erkenntnisse aus dem Projekt sollen helfen, Zugvögel auf ihren langen Reisen besser zu schützen. Foto: AP

Erkenntnisse aus dem Projekt sollen helfen, Zugvögel auf ihren langen Reisen besser zu schützen. Foto: AP

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Tiere sind ständig in Bewegung. Etwa 50 Milliarden Zugvögel machen sich jedes Jahr auf die Reise in ihre Winterquartiere. 1,3 Millionen Weissbartgnus wandern auf der Suche nach frischem Gras jährlich 3000 Kilometer durch afrikanische Savannen. Und Buckelwale schwimmen jedes Jahr zwischen ihren Paarungsgebieten in tropischen und subtropischen Gewässern und ihren Fressgebieten in den polaren Meeren hin und her. Mit dem Projekt Icarus (International Cooperation for Animal Research Using Space), das an diesem Mittwoch nach 18-jähriger Vorbereitungsphase startet, wollen Wissenschaftler endlich einen Überblick über das ständige Hin und Her gewinnen.

Am Mittwoch wurde die Icarus-Antenne aktiviert, die zwei russische Kosmonauten vor einem knappen Jahr an der Aussenseite der Raumstation angebracht haben. Die Antenne soll Daten von Minisendern empfangen, die Biologen auf dem Rücken verschiedener Tierarten angebracht haben.

Der Icarus-Start ist aber nicht ganz geglückt, da Ventilatoren am Bordcomputer auf der Internationalen Raumstation nicht richtig funktionierten. Die Kosmonauten müssen diese Belüftung nun reparieren, wann dies der Fall sein wird, ist allerdings noch unklar.

Tiere tragen winzige Sender am Körper

Wenn das System funktioniert, werden die Informationen von der ISS zurück an die Erde gefunkt und über mehrere Zwischenschritte in eine Datenbank eingespeist, die öffentlich zugänglich ist (www.movebank.org).

«Die Daten verraten uns nicht nur, wo sich ein Tier gerade befindet, sondern auch, ob es ihm gut geht», sagt Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz, der das Projekt leitet. Hat ein Tier beispielsweise Fieber, erkennen die Wissenschaftler das an der erhöhten Temperatur, die ein Sensor an dem insgesamt nur fünf Gramm schweren und zwei Quadratzentimeter grossen Sender registriert.

Und wenn sich ein Tier plötzlich nur noch langsam oder gar nicht mehr bewegt, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass es verletzt ist. «Wenn wir einen Sender an einem Tier anbringen, achten wir streng darauf, dass es dadurch nicht beeinträchtigt wird», sagt Wikelski. Ziel ist es, 100'000 Individuen mit den Geräten auszustatten. Das Besondere an Icarus wird sein, dass die Daten all dieser Sender, die die verschiedensten Arten von Tieren tragen, zusammengeführt werden. Dadurch sollen Zusammenhänge klar werden, die der Wissenschaft bisher verborgen geblieben sind.

Icarus kann Vogelgrippe früh erkennen

Konkret soll Icarus aber auch dabei helfen, Tiere besser zu schützen. «Zum Beispiel könnte man Windräder für ein oder zwei Tage abschalten, wenn man weiss, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt Fledermäuse in der Nähe sind», sagt Wikelski. Oder man errichtet ein vorübergehendes Schutzgebiet für Wasservögel am Ammersee, wenn man feststellt, dass sich plötzlich ungewöhnlich viele Tiere dort aufhalten, weil sie einer Schlechtwetterfront in den Alpen ausgewichen sind.

Die Daten könnten aber nicht nur den Tieren nützen, sondern auch den Menschen. Störche in der Sahelzone beispielsweise folgen ihrer Nahrung, den Wanderheuschrecken. Wenn Icarus also beobachtet, dass an einer Stelle ungewöhnlich viele der Vögel zusammenkommen, könnte das ein Hinweis auf einen Heuschreckenschwarm sein. Man könnte die Bauern in der Nähe warnen. Und wenn Icarus bei Enten in China eine erhöhte Körpertemperatur registriert, ist das möglicherweise ein Hinweis auf den nächsten Ausbruch der Vogelgrippe.

Wenn das System, an dessen Entwicklung unter anderen Ingenieure der Hochschule der Bundeswehr sowie der Firmen Spacetec und Inradius beteiligt waren, aktiviert ist, folgt zunächst eine mehrmonatige Testphase. Ende des Jahres sollen dann Wissenschaftler auf der ganzen Welt mit Icarus arbeiten können.

Erstellt: 12.07.2019, 17:40 Uhr

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