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Lufthansa Aviation TrainingWo die Flight-Attendants das Reanimieren üben

50 Millionen Franken hat die Lufthansa-Gruppe in ihr Trainingscenter in Glattbrugg investiert. In Simulatoren, Mockups und in Klassenzimmern bietet sie dort Ausbildungen für diverse Flugbesatzungen an.

Der «Journalist» ist schon ganz bleich, als er von den Flugbegleiterinnen aus der Toilette in die Galley verlegt und für die Reanimierung vorbereitet wird.
Der «Journalist» ist schon ganz bleich, als er von den Flugbegleiterinnen aus der Toilette in die Galley verlegt und für die Reanimierung vorbereitet wird.
Foto: Balz Murer 

Wer viel fliegt, kennt diese eine interne Kabinendurchsage am Anfang jeder Reise: «Cabin crew, arm the slides.» Zu Deutsch: Die in den Flugzeugtüren befindlichen Notrutschen werden «scharfgemacht». Würde eine Türe danach geöffnet, so würden diese Slides, über die Passagiere und Besatzung die Maschine im Notfall verlassen müssten, in Sekundenschnelle aufgeblasen. Damit Flight-Attendants in dieser Situation richtig reagieren, werden sie entsprechend ausgebildet. Das passiert unter anderem in Glattbrugg. Rund 50 Millionen Franken hat die Lufthansa-Konzerntochter Lufthansa Aviation Training (LAT) in den Bau des neuen Trainingscenters an der Cherstrasse, in unmittelbarer Nachbarschaft zu UBS Warburg, investiert.

Seit Anfang Jahr ging dieses Nervenzentrum der Aviatik-Sicherheit nach und nach in den Betrieb über. «Wir hätten der Öffentlichkeit eigentlich Anfang Juli, an einem Tag der offenen Tür, einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen bieten wollen», sagte David Birrer. Virusbedingt hat er als Geschäftsführer LAT CH stattdessen am Mittwoch ein knappes Dutzend Medienvertreter durch die weitläufige Anlage geführt. 198 Räume, allesamt mit flexiblen Stellwänden und Raumtrennern, keine festen Arbeitsplätze mehr in den Büros. Man gibt sich modern, 12’550 Tonnen Stahl, 11’000 Kubikmeter Sichtbeton und das Wellblech an den Fassaden als Reminiszenz an den Bau von Tragflächen. Ein Ort, der Sicherheit vermitteln soll, so meinte David Birrer. Aber auch ein Ort, wo die fliegerischen Träume so vieler junger Menschen in die Wirklichkeit umgesetzt werden.

Von aussen wirkt die Anlage kompakt: 12’550 Tonnen Stahl, 11’000 Kubikmeter Sichtbeton und Wellblech an den Fassaden.
Von aussen wirkt die Anlage kompakt: 12’550 Tonnen Stahl, 11’000 Kubikmeter Sichtbeton und Wellblech an den Fassaden.
Foto: Balz Murer

In den nachgebauten Flugzeugkabinen (Mockups) durften die geladenen Gäste an zwei kurzen Übungsszenarien partizipieren. So liess Sigrid Witzel als Head of Emergency Training die A220-Kabine nach der Landung in Nizza mal eben über die Piste ins Meer rasen – und die etwas überrumpelten Journalisten nach den «Schwimmwesten unter Ihrem Sitz» suchen. Patricia Klaus, Head of Medical Training, stellte derweil mit Kolleginnen und Kollegen die Reanimierung eines Passagiers in der Galley nach. Es brauchte nicht wirklich viel Fantasie, um sich auszumalen, wie die Stimmung an Bord sich in so einer Situation verändern würde. «Die medizinische Ausbildung der Kabine geht hier etwas weiter als die blosse Erste Hilfe», führte sie aus, «auch deshalb, weil in der Luft die nächste Ambulanz nicht sofort kommt – und auch nicht immer ein Arzt an Bord ist.»

100 Millionen für neue Simulatoren

Kernstück des Centers bleibt die Pilotenausbildung. Dazu gehören die Flugsimulatoren für alle in der Swiss vertretenen Flugzeugtypen. Die je an die 14 Tonnen schweren Gerätschaften wurden nach und nach vom alten Standort an der Balz-Zimmermann-Strasse in Kloten nach Glattbrugg verfrachtet – und zwar während des laufenden Trainingsbetriebs, wie David Birrer ausführte; eine besondere logistische Leistung, zumal der Umzug eines einzelnen Simulators drei Monate in Anspruch genommen habe.

Neben den Full-Motion-Simulatoren sind auch hochmoderne fixe Simulatoren (ohne Bewegungsachsen) installiert, die für bestimmte Szenarien eingesetzt werden und das klassische Trainingsinstrumentarium ergänzen. «Denken Sie an eine Landung bei Nebel», sagte Jörg Schönfeld, seines Zeichens Process Owner Pilot Training bei LAT. «Da merken Sie ja auch als Passagier nie, dass Sie sich bewegen – entsprechend benötigt das auch im Training keine Bewegung.» Während einige klassische Simulatoren noch aus den 90er-Jahren stammen, seien diese neuen Geräte weltweit noch relativ rar. Über ihre 12 Standorte hinweg hat die Lufthansa-Gruppe mehr als 100 Millionen Euro in neue Simulatoren investiert.

Service und Deeskalation

In der Halle der CEETs, der Cabin Emergency Evacuation Trainers, erläuterte Pedro van der Nat, der Head of Safety & Service Training, dann die Funktionsweise obgenannter Slides. «Es gilt die Regel, dass jedes Flugzeug innert 90 Sekunden komplett evakuiert sein muss», erklärte er, «und zwar unabhängig davon, wie gross die Maschine ist. »Alle Flight-Attendants der Swiss, plus 800 weitere der Edelweiss, absolvieren in den neuen Glattbrugger Anlagen ihre Aus- und auch ihre Weiterbildungen. Neben den Blöcken wie Safety und Medical gehört dazu auch das Produktetraining. Letzteres umfasst alles, was nicht unbedingt lizenzrelevant ist, wohl aber zum firmenspezifischen Produkt der jeweiligen Airline gehört. Den eigentlichen Bordservice etwa, aber auch das persönliche Auftreten, das Erscheinungsbild in Uniform oder die Kommunikation mit dem Kunden. «Hinzu kommt dann noch das Human Factor Training», so führte Van der Nat aus. Zu diesem gehört dann «Schulstoff» wie Konfliktmanagement und Deeskalation.

Darum heisst es vor dem Abflug «Arm the slides» – damit die Notrutschen im Notfall auch automatisch aufgeblasen werden.
Darum heisst es vor dem Abflug «Arm the slides» – damit die Notrutschen im Notfall auch automatisch aufgeblasen werden.
Foto: Balz Murer

385 Angestellte

An der Cherstrasse 1 arbeiten derzeit 135 fest angestellte und 250 freie Mitarbeitende in Selektion, Ausbildung und Schulung der Besatzungen. Nicht nur die 1500 Piloten und rund 4500 Flight-Attendants der Swiss drücken hier die Schulbank, auch für andere Airlines und sogar für Firmen ausserhalb der Aviatik – etwa für Banken oder Versicherungen in den Bereichen Kundenkommunikation oder Crew Ressource Management – bietet die LAT Trainingsblöcke an. Was die Flugsimulatoren angeht, so habe man die Kapazitäten aufgrund der Einflottungen bei Swiss (Boeing 777, Airbus A220, Airbus A320neo) in den letzten drei Jahren fast ausschliesslich für die Lufthansa-Gruppe selbst gebraucht, so führte Jörg Schönfeld aus.

Noch 2019 hatte die Lufthansa für das Zentrum Glattbrugg von erwarteten 12’000 jährlichen Absolventen gesprochen. Corona legte namentlich die Rekrutierung und Ausbildung von neuem Cockpitpersonal komplett lahm, zumindest vorerst. Das soll sicher noch bis Ende Jahr so bleiben. Wie am Mittwoch am Rande der Medienführung bekannt wurde, will der Lufthansa-Konzern erst in den nächsten zwei bis drei Wochen entscheiden, wie man punkto Ausbildung weiter verfahren möchte. Derweil, so führte David Birrer aus, sei der Trainingsbedarf gerade während der Krise gross gewesen, insbesondere wegen neuer Hygienemassnahmen an Bord oder aber wegen Rückführungsflügen an spezielle Destinationen, denen nicht selten eigens Simulatorsessionen vorangestellt worden waren.