St. Gallen / Zürich

«Zürich ist für uns enorm wichtig»

Der neue Chef von Raiffeisen Schweiz, Patrik Gisel, sieht in den Städten das grösste Wachstumspotenzial für die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz.

Der neue Chef von Raiffeisen Schweiz, Patrik Gisel, sieht in den Städten das grösste Wachstumspotenzial für die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz.

Der neue Chef von Raiffeisen Schweiz, Patrik Gisel, sieht in den Städten das grösste Wachstumspotenzial für die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz. Bild: David Baer

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Wir treffen uns hier in Zürich bei Ihrer Asset-Management-Tochter Vescore AG zum ­Gespräch: Ist das ein Hinweis darauf, dass Raiffeisen auch die Zentren erobern möchte?
Patrik Gisel: Dem ist so. Wir beackern die Zentren schon seit ­einigen Jahren sehr intensiv. Sie sind unsere Hauptwachstums­gebiete, eben weil wir hier noch nicht so präsent sind. Zürich als grösste Agglomeration der Schweiz mit einem Sechstel der Gesamtbevölkerung ist für uns enorm wichtig. Wir sind im Zürcher Oberland und zwischen Zürich und Schaffhausen sehr gut aufgestellt. In der Stadt selbst verfügen wir aber mit etwas über zwei Prozent Marktanteil über deutlich weniger Anteil als gesamthaft mit 17 Prozent im Kerngeschäft mit Hypotheken.

Was für Ziele verfolgen Sie in den Städten konkret?
Das ist schwierig in Zahlen zu fassen. In der Stadt Zürich wollen wir sicher weiterhin deutlich über dem Gesamtmarkt wachsen. Zürich ist für uns sehr attraktiv, auch wenn das Preissegment eher hoch ist. Wir verfügen hier aber über ein ausgezeichnetes Immobilien-Portfolio, es gibt keine Wert­berichtigungen. Uns interessieren in Zürich in erster Linie der private Wohnbau und die entsprechenden Renditeobjekte.

Dennoch stossen Sie in der Schweiz, Ihrem Heimmarkt, langsam an Grenzen ...
Wir führten schon vor zehn Jahren eine intensive Diskussion dar­über, wo die Zukunft der Raiffeisen-Gruppe liegen soll: eher in der Internationalisierung des Kerngeschäfts oder in der Schweiz mittels Diversifikation der Geschäftsfelder. Wir haben uns klar für Letzteres entschieden und deshalb in der letzten Zeit sowohl Private Banking als auch Asset Management aufgebaut. Die Raiffeisenbanken haben heute ein massiv breiteres Leistungsangebot als noch vor kurzem.

Traut man Raiffeisen die neuen Kompetenzen – neben dem Kerngeschäft mit Hypotheken und Spargeldern – auch zu?
Das ist von Geschäftsfeld zu Geschäfts­feld unterschiedlich. Im KMU- respektive Firmenkunden­geschäft sind wir sehr erfolgreich und haben uns auch personell gut verstärkt. Im Anlagekunden­geschäft ist uns das aber noch nicht in dem Mass gelungen, wie wir uns das vorstellen. Das Pri­vate Banking decken wir mit der Bank Notenstein ab. Das funktioniert. Aber im Anlagegeschäft sind wir für das Affluent-Segment – Kunden mit Vermögen unter einer Million – und das Retail-Geschäft noch nicht die erste Wahl.

Ist es heute noch opportun, in die bauliche Infrastruktur zu investieren, wenn der Trend eindeutig in Richtung Homeban-k­ing geht? Sogar die Berater kommen zu einem nach Hause.
Ich bin überzeugt, dass auch das physische Bankgeschäft eine Zukunft hat. Bei einer kürzlich erfolgten Umfrage unter unseren Mitarbeitern, welches die zukünftigen Vertriebskanäle bei den Raiffeisenbanken sein werden, stand das Mobile-Banking mit über 90 Prozent an erster Stelle, an zweiter mit über 70 Prozent das Internet-Banking. Dahinter folgen Homebanking und das Banking via Geschäftsstelle. Dabei wies auch das physische Geschäft immer noch einen Anteil von über 50 Prozent auf. Was klar wurde: In den Geschäftsstellen ändern sich die Leistungen, die dort erbracht werden. Das klassische Transaktionsgeschäft ver­lagert sich auf die elektronischen Kanäle, während das lebenszyklusorientierte Beratungsgeschäft Bestand haben wird. Das heisst gleichzeitig, dass die Qualitäts­anforderungen an die Beratung grösser werden.

Was heisst das für die einzelnen Raiffeisenbanken vor Ort?
Unsere Strategie ist klar: Wir wollen physisch vor Ort bleiben, vielleicht nicht tausendmal, so wie es heute der Fall ist. Vielleicht sind es am Schluss ein paar Dutzend Bankstellen weniger. Aber wir wollen das breite Vertriebsnetz und die regionale Verankerung beim Kunden behalten.

Laut Raiffeisen gibt es am Schweizer Immobilienmarkt keine Überhitzungstendenzen: Ist das nicht reiner Zweck­optimismus des grössten Hypothekargebers hierzulande?
Es gibt vier Faktoren, die unsere Position untermauern: Die durchschnittliche Tragbarkeit der Objekte, die finanziert werden, hat sich nicht verschlechtert. Was die Preisentwicklung betrifft, so haben wir Vorlaufindikatoren, die klar auf eine Preissenkung hindeuten, gerade beim Luxussegment. Im Normalbau sind die Preise zwar immer noch leicht steigend. Aber auch dort sehe ich keine Blase. Zudem schwenkt auch die SNB langsam um und spricht noch von Ungleichgewichten im Markt, aber die sollten sich beruhigen. Und viertens ist Raiffeisen in den Krisengebieten, den Agglomerationen, wie erwähnt massiv untervertreten.

Raiffeisen ist eine systemrelevante Bank: Könnte sich für die Gruppe ein Szenario wie 2008 bei der UBS wiederholen?
Ich glaube, das kann man ausschliessen. Wir verfügten nie über solche Risikopositionen mit hoch volatilen Produkten, wie es die UBS tat. Fairerweise muss man sagen: Unser grösstes Engagement liegt im Schweizer Immobilienmarkt. Wenn dort eine massive Krise auftreten würde, würde dies uns betreffen. Allerdings gilt das für jede Bank in der Schweiz, die in diesem Markt tätig ist, nicht nur für Raiffeisen. Und wenn ich mir unser Portfolio von immer noch über 80 Prozent selbst bewohntem Wohneigentum ansehe, zum grössten Teil erstrangig, dann verfügen wir über eine sehr gute Qualität. Krisen kamen in der Vergangenheit nie über diesen Teil, sondern über Gewerbe- und Renditeobjekte.

Sie wohnen seit 1993 in Erlenbach: Welche Qualitäten besitzt die Region am Zürichsee?
Die ganze Agglomeration, die immer weiter den See hinauf wächst, gehört heute zum Einzugsgebiet von Zürich. Dieses Gebiet hat sich extrem entwickelt und ist gerade als Wohngegend hochattraktiv und -wertig, so nahe bei einer Metropole. Dazu kommt die hervorragende Infrastruktur. Ich fahre mit der S-Bahn in 15 Minuten von Erlenbach zum HB Zürich. Die Lebensqualität im gesamten Grossraum Zürich ist immens hoch. Das wird auch weiterhin für hohe Preise sorgen, solange nicht politisch irgendetwas passiert. Etwas unschön ist, dass es für Menschen mit tieferem Einkommen immer schwieriger wird, hier geeigneten Wohnraum zu finden und zu kaufen. Allerdings findet man direkt hinter dem Pfannenstiel oder dem Hirzel schöne ­Gegenden, wo die Preise bereits massiv tiefer sind. Dazu gehört auch die Greifenseegegend.

Erstellt: 18.12.2015, 10:03 Uhr

Zur Person

Patrik Gisel

Der 53-jäh­rige Patrik Gisel studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen, wo er zum Dr. oec. promovierte. Gisel hat Praxis- und Führungsverantwortung als Consultant im Bereich Banken und Versicherungen bei der Boston Consulting Group in Zürich und als Abteilungs- und Ressortleiter in der IT bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (UBS) in Zürich. Gisel stiess 2000 zur Raiffeisengruppe in St. Gallen, wo er 2003 die stellvertretende Geschäftsführung übernahm. Seit 1. Oktober ist er Vorsitzender der Geschäftsleitung. In seiner Jugend war Gisel Schweizer Meister im Turmspringen. Heute betreibt der Hobbypilot Ausdauersport (Triathlon). Gisel ist geschieden und lebt in Erlen­bach. (zsz)

Mehr als 1,8 Mio. Genossenschafter

Bank Raiffeisen

Raiffeisen hat sich in den vergangenen Jahren als eine führende Universalbank und als drittgrösste Bankengruppe der Schweiz mit einer Bilanzsumme von 189 Mrd. Franken etabliert. Seit 2014 zählt die genossenschaftlich gegliederte Bankengruppe – neben Credit Suisse, UBS und ZKB – zu den systemrelevanten Banken der Schweiz und muss deswegen spezielle Anforderungen an die Eigenmittel erfüllen.

Insgesamt verfügt die Bank über 3,7 Millionen Kunden. Davon sind mehr als 1,8 Millionen Genossenschafter und somit Mitbesitzer der über das ganze Land verteilten 292 Raiffeisenbanken. Diese sind juristisch und organisatorisch selbstständige Geschäftseinheiten mit selbst gewählten Verwaltungsräten und einer unabhängigen Revisionsstelle. Insgesamt ist Raiffeisen an 1004 Standorten in der Schweiz vertreten. Der Hauptsitz von Raiffeisen Schweiz befindet sich in St. Gallen. (ths)

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